Ätherische Öle bei Stress

STRESS? Der begegnet uns doch mittlerweile immer und überall. Aber was bedeutet das Wort eigentlich? Manch eine*r versteht darunter Zeitdruck und noch zu erledigende Aufgaben, andere erleben Stress in zwischenmenschlichen Kontakten – und am Ende ist es doch sehr individuell, was als Stress empfunden wird. Allen gemeinsam ist, dass der Körper diese physiologische Reaktion als Schutz vor Gefahren nutzt. Eigentlich ein super System, aber wir sind heutzutage (zum Glück!) seltenst wirklich bedroht. Die Belastungen sind eher psychischer Natur: Arbeit, Beziehungen, Konflikte, eigene Ansprüche und die anderer, ständige Reize, gesellschaftlicher Druck… Trotzdem reagiert unser Körper immer noch so wie früher und suggeriert uns: „kämpfe oder lauf weg!“. Da das im Alltag aber oft nicht geht, zwingen wir unseren Körper dazu, diesen Stress auszuhalten. Geht das über einen längeren Zeitraum immer wieder so, kann das krank machen – auch seelisch.

Vermeiden der Stressquellen ist auf lange Sicht eine super Lösung, aber wir brauchen auch kleine Tricks im Alltag, um uns zu entspannen. Achtsamkeit und Entschleunigung sind eine Möglichkeit, vielleicht auch kleine Auszeiten zwischendurch. Mir helfen z. B. Musik, Wasser trinken (wirkt entspannend auf den Parasympathikus), meine Hobbys, wie Kosmetikrühren, kleine Spaziergänge draußen und nicht zuletzt die ätherischen Öle.

Ätherische Öle sind konzentrierte Pflanzenessenzen, die durch verschiedene Verfahren, wie Wasserdampfdestillation, Hexanextraktion oder Kaltpressung der Fruchtschalen aus Pflanzen gewonnen werden. Sie sind nachgewiesenermaßen hochwirksam und haben immer sowohl physiologische, als auch einen psychologische Effekte auf uns.

Einige besonders entspannende und stresslösende ätherische Öle möchte ich Dir gerne heute vorstellen.

Das erste ätherische Öl, an das ich beim Wort ENTSPANNUNG denke ist Lavendel. Noch einmal zur Erinnerung: es gibt verschiedene Lavendelarten, deren Öle auch sehr unterschiedlich riechen und wirken (Lavandin, Speiklavendel, Schopflavendel…). Ich beziehe mich hier immer auf den Echten Lavendel, Lavandula angustifolia, in der Aromatherapie zur besseren Unterscheidung meist auch „Lavendel fein“ genannt. Es enthält vor allem stark entspannende und beruhigende Ester, wie Linalylacetat und hautpflegende Monoterpenalkohole, wie Linalool.
Lavendelöl gehört zu den am besten erforschten ätherischen Ölen und ist wohl ungelogen das am vielseitigsten einsetzbare: Stress, Unruhe, Angst, depressive Verstimmungen, Schlaflosigkeit, Verbrennungen, Sonnenbrand, Schürfwunden, Kratzer, Entzündungen, Insektenstiche, Insektenschutz, Pilze, Bakterien, Viren, Hautprobleme aller Art, Schmerzen, Kopfschmerzen, Muskelkater, Infektionen, Erkältungen… Ich wüsste nicht, wo Lavendel nicht hilft. Natürlich gibt es Öle, die im jeweiligen Fall noch einmal spezifischer und mitunter stärker wirken können. Aber wenn man sich erstmal nur ein Öl kaufen möchte, würde ich auf jeden Fall Lavendel fein wählen! Man kann es sogar schon bei Kindern anwenden (immer gut verdünnt), bei Erwachsenen auch problemlos unverdünnt (aber dann nur punktuell!). Der Duft harmoniert sehr gut mit allen anderen Düften und mindert in Mischungen sogar die reizende Wirkung anderer Öle!

Die Rosengeranie (Pelargonium graveolens/asperum/roseum) ist eine Art aus der Gattung der Duftpelargonien, die wiederum zu den Storchschnabelgewächsen gehört. Im Gegensatz zu den Zierpelargonien, die auf vielen Balkonen zu sehen sind, hat die Rosengeranie nur sehr kleine Blüten. Dafür duften die Blätter sehr intensiv (nach Rosen). Es gibt auch Zitronengeranien, die eher zitronengrasartig duften und besonders wirksam Insekten fernhalten. Rosengeranie war damals eins meiner ersten ätherischen Öle. Ich hatte es ursprünglich als günstigen Ersatz für das sehr teure Rosenöl gekauft. Mittlerweile ist es zu einem meiner Lieblinge avanciert, denn es kann noch viel mehr als schön duften. Ätherisches Rosengeranienöl wird als sehr hautpflegend und psychisch ausgleichend beschrieben. In Kombination mit Lavendelöl ergibt sich eine harmonische Duftmischung, die bei Kummer, Stress und Sorgen hilft.
Hauptinhaltsstoffe sind Citronellol und Geraniol, zwei sog. Monoterpenole, welche die Produktion von Stresshormonen stark regulieren. Ester, wie Geranylacetat wirken ganzheitlich beruhigend und entspannend. Die andere Inhaltsstoffe tragen ebenfalls zu einem harmonisierenden und ausgleichenden Effekt des Öls bei.

Obwohl mit Oregano verwandt, duftet und wirkt das ätherische Majoranöl (Origanum majorana) ganz anders – nämlich krautig-lieblich, fast schon blumig. Dank der enthaltenen Monoterpenole beruhigt es überreizte Nerven und kann auch bei Einschlafproblemen helfen. Ein anderes bewährtes Einsatzgebiet sind Erkältungen, denn es befreit die Atemwege und wirkt antibakteriell. Wer Blütendüfte wie Lavendel und Rosengeranie nicht so gerne mag, wird evtl. in Majoran ein geeignetes ätherisches Öl für eine entspannende Duftmischung finden.

Eigentlich ein Tannenöl (darauf weist die botanische Bezeichnung Abies sibirica hin), enthält das als „Fichtennadel sibirisch“ verkaufte ätherische Öl erstaunlich viele Ester (v. a. Bornylacetat). Nadelöle sind eigentlich eher für ihren hohen Gehalt an stimulierenden Monoterpenen bekannt, sodass „Fichtennadel sibirisch“ eine kleine Sonderstellung unter ihnen einnimmt. Es wirkt stresslösend und ausgleichend und kann aufgrund seiner Milde sogar schon bei Kindern angewendet werden.

Ätherische Öle aus Zitrusfrüchten wirken belebend und stimmungsaufhellend. Sie ähneln sich in ihren Inhaltsstoffen sehr. Eine Ausnahme und ein ganz besonderes ätherisches Zitrusöl ist die Bergamotte (Citrus bergamia). Es wird auch als das Antidepressivum der Aromatherapie bezeichnet. Es besteht ca. zur Hälfte aus stark entspannenden Estern. Andere Zitrusöle hingegen enthalten überwiegend Monoterpene, wie Limonen. Bergamotteöl riecht deshalb nicht ganz so spritzig-frisch, sondern eher etwas herb und wie Earl-Grey-Tee, der nämlich damit aromatisiert wird. Es wird aufgrund seiner Inhaltsstoffe und der eher beruhigenden Wirkung auch manchmal als „Lavendel der Zitrusöle“ bezeichnet. Außerdem ist es deutlich länger haltbar als andere Zitrusöle (ca. 3 Jahre). Allerdings sollte man es trotz seiner hautfreundlichen Wirkung nicht großflächig anwenden, wenn man ins Sonnenlicht geht, da die enthaltenen Furocumarine mit den UV-Strahlen reagieren und die Haut schädigen können (das nennt sich Phototoxizität). Trotzdem ist es ein tolles, psychisch relevantes ätherisches Öl, das in keiner Sammlung fehlen sollte!

Wusstest Du, dass man nicht nur aus den Früchten, sondern auch aus den Blättern der Agrumen (Zitrusfrüchte) ätherisches Öl gewinnen kann? Sehr bekannt ist das Petitgrain (manchmal mit dem Zusatz „Bigarade“ oder „Bigaradier“), das aus den Blättern und Fruchtansätzen des Bitterorangenbaums (Citrus aurantium var. amara) destilliert wird. Aber auch von anderen Zitrusfrüchten wird solch ein Öl gewonnen (Zitrone, Clementine, Mandarine…). Als ganz besonders stresslösend wird das aus den Blättern und Zweigen des Mandarinenbaums (Citrus reticulata) beschrieben. Da die Frucht dabei nicht verwendet wird, riecht es ganz anders als diese und überhaupt nicht nach Mandarine. Das sog. Petitgrain Mandarine besteht ca. zur Hälfte aus dem aromatischen Ester Methylanthranilat (was für ein Wort!), was es auch so besonders macht. Kein anderes Öl enthält annähernd so viel davon. Der Duft erinnert an unreife Zitrusfrüchte mit einer krautigen Beinote, frisch und doch herb. Es riecht vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber die beruhigende Wirkung auf das Nervensystem ist beeindruckend: die Inhaltsstoffe führen zur Ausschüttung von Serotonin, ein Neurotransmitter, der für viele Funktionen in unserem Körper zuständig ist (Wahrnehmung, Schlaf, Schmerz, Sexualität, Appetit, Hormone…). Dieser gibt uns auch das Gefühl von Gelassenheit, innerer Ruhe und Zufriedenheit. Petitgrain Mandarine ist also ein wahres Anti-Stress-Mittel unter den ätherischen Ölen! Aber auch „normales“ Petitgrainöl (Citrus aurantium var. amara) ist ein schönes Entspannungsöl, das sehr angenehm duftet (und deutlich leichter zu bekommen ist!).

Die Reihe der stresslösenden ätherischen Öle schließe ich mit einem meiner absoluten Lieblingsdüfte: Jasmin (Jasminum grandiflorum). Die frischen Blüten verströmen einen blumig-süßen, geheimnisvollen und verführerischen Duft, der sehr schwer einzufangen ist. Daher handelt es sich hier auch streng genommen nicht um ein ätherisches Öl, sondern um ein sog. Absolue, d.h. es wird nicht über Wasserdampfdestillation, sondern durch Extraktion mit einem Lösungsmittel (meist Hexan) gewonnen.
Echter Jasminduft hat eine starke psychische, stresslösende, fast narkotische Wirkung. Er dringt tief ins Innere ein, wo er hilft, Knoten und Konflikte zu lösen und in Berührung mit seinen eigenen seelischen Bedürfnissen zu kommen. Darüber hinaus soll er stark stresslösend wirken.
Jasminabsolue ist relativ kostbar und duftet sehr intensiv, wird aber auch in leichter zu dosierenden Verdünnungen (z. B. 4 % in Bio-Weingeist) verkauft. Wie alle Blütendüfte und solche, die psychisch stark wirksam sind, reichen oft Spuren des Öls für einen spürbaren Effekt. Eine zu hohe Dosierung kann übrigens zum Gegenteil führen und Unruhe und Unbehagen bis hin zu Kopfschmerzen auslösen. Daher immer schön sparsam verwenden.

Im nächsten Beitrag habe ich noch ein Rezept für einen entspannenden Duft-Roll-On zum Selbermachen für Dich. Hier entlang.